Jasminduft im Gulag
Wer in Tunesien nicht schweigt, wird zum Schweigen gebracht –
mit juristischen Tricks oder mit Gewalt.
von Christian
Schmidt
Gleich drei Gesichter starren
in dem Restaurant in der Medina von Tunis auf mich. Das übergrosse
mit dem seltsam kindlichen Lächeln gehört Staatspräsident Zine El Abidin Ben Ali. Es
hängt in jedem Lokal an der Wand, so, wie vom tunesischen Innenministerium
vorgeschrieben. Die beiden anderen Visagen gehören Polizeispitzeln. Der
mit dem verschwitzten braunen T-Shirt folgt mir seit dem Frühstück; der mit
Kinnbärtchen ist neu, Schichtwechsel steht bevor.
Ben
Ali lässt keine Gelegenheit verstreichen, sich selbst und seine
Interpretation des tunesischen Rechtsstaates in Szene zu setzen. Die Armada von
Spitzeln ist zu jeder Tages-und Nachtzeit unterwegs. Seine
eigene Wenigkeit ruft Ben Ali mit den allgegenwärtigen Porträts ins
Bewusstsein; dazu kommen tägliche Lobhudeleien in der Presse, abgefasst im
überwunden geglaubten Jargon der sowjetischen Einheitspresse, und alle fünf
Jahre lässt er sich in so genannten Wahlen feiern. Im Oktober 2004 ist er
zum vierten Mal als Staatspräsident bestätigt worden, mit 94,48
Prozent aller Stimmen. Das heisst: In Tunesien gibt
es nur fünf Prozent unglückliche Menschen.
„Wobei diese fünf Prozent
schon ein Zugeständnis sind,“ wird Mokhtar Trifi, Anwalt und
Präsident der tunesischen Menschenrechtsliga am nächsten Tag in seinem
Büro in Tunis sagen, während er die Dossiers seiner Klientele
zur Mauer stapelt. Es sind Fälle aus der Opposition. Trifi:
„Bei der letzten Wahl hatte sich Ben Ali noch mit 99,5 Prozent bestätigen
lassen.“ Die abhanden gekommenen Stimmen entsprechen dabei in etwa jenem Teil
der Bevölkerung, der in einer Anwandlung von kamikazehaftem
Mut den Gang an die Urne ablehnt oder schon gar nicht an die Urne gehen kann. Weil
die Menschen in Verliesen schmachten, weil sie ins Exil geflüchtet sind, oder
weil sie vom staatlichen Kontrollapparat in den Untergrund gezwungen wurden.
Die Angst vor diesem Apparat
ist in diesem Land so allgegenwärtig wie der Duft nach Jasmin. In der
Hauptstadt herrscht nach Sonnenuntergang zwar pulsierendes Treiben, doch wenn
das Gespräch unter den Baumalleen der Avenue Bourguiba
auf den Staatschef kommt, verwandelt sich das Parlieren sofort in Schweigen. Jeder
ist ein potentieller Spitzel, oder dann ist das grosse
Ohr ganz in der Nähe. Entsprechend nimmt das nette Liebespaar reissaus.
Zu Recht: Das
Kinnbärtchen sitzt nur zwei Bänke weiter.
„Russland hat keine Gulags
mehr. Bei uns ist – mehr oder weniger – das ganze Land ein Gulag,“ kommentiert Mohammed Talbi, Historiker,
emeritierter Universitätsprofessor und islamischer Philosoph. Nach einer
Taxifahrt in den Vorort Le Bardo, verfolgt von einem silbernen Peugeot, der
schon seit Stunden vor meinem Hotel stand, sitzt mir der kleine Mann in seinem
abgewetzten Ledersessel gegenüber, hinter sich eine Bibliothek mit über hundert
eigenen Publikationen. Die meisten sind in seiner Heimat verboten. Talbi, 84jährig, ist das Gewissen Tunesiens, und er
trägt den Humor des ewigen Oppositionellen wie eine Fahne vor sich her. Mit
seiner dünn gewordenen Stimme sagt er: „Wir haben keine Gesetze in unserem Land.
Unser Gesetz ist unser Diktator.“
Dabei war Ben Ali einst die grosse Hoffnung.
In den frühen Morgenstunden
des 7. Novembers 1987 sendet das staatliche tunesische Radio nicht wie üblich
schmalzige Lieder zur Preisung des „grossen
Kämpfers“ und Staatspräsidenten Habib Bourguiba.
Eine fremde Stimme weckt die Menschen. Sie gehört Zine
El Abidin Ben Ali, 51 Jahre alt, ein Mann mit
gefärbten Haaren, über dessen Selbstverliebtheit das Volk sich bis heute
amüsiert, zuletzt Premierminister, zuvor Innenminister und Chef des
militärischen Sicherheitsdienstes im Land. Dieser Mann kündigt eine neue Aera an. Habib Bourguiba, seit
fünfzig Jahren die wegweisende politische Figur Tunesiens, habe abgesetzt
werden müssen. Ein seniler Despot sei er nur mehr gewesen.
Die Begeisterung über den
Umsturz ist anfänglich gross. Bourguiba hatte zwar das Reich der früheren Beys zu einem modernen Staat umgebaut, es gab nun Parteien,
die Wirtschaft prosperierte, und – herausragende Tat – unter ihm erhielten die
tunesischen Frauen als erste im Maghreb eine Art Gleichberechtigung. Doch Bourguiba vermochte mit dem stärker werdenden Islamismus
im Land nicht umzugehen. Die ersten Wahlen endeten mit einer Katastrophe. Der
Staatschef verhaftete den Führer der islamistischen
Partei; seine Mitstreiter wurden zum Tod verurteilt.
Ben Ali, in Frankreich
ausgebildet und an einer Militärakademie in den USA geschliffen, hatte als
Zögling Bourguibas die Auswüchse des alten
Regimes zwar entscheidend mitinszeniert, räumte nun aber damit auf. An die
tausend politische Häftlinge sahen zum ersten Mal wieder die Sonne, und
der neue Präsident führte plötzlich Wörter wie „Menschenrechte“
und „Demokratie“ im Mund.
Doch
auf das neue Zeitalter wartet das Volk bis heute. Tunesien sei nach einer
anfänglichen Welle der Liberalisierung „im Galopp“ zu den alten
Zuständen zurückgekehrt, heisst es im Buch „Notre ami Ben Ali“ der Franzosen
Nicolas Beau und Jean-Pierre Tuquoi. „Ben Ali hat das
friedliche Land in eine riesige Kaserne verwandelt“.
Kaserne und Gulag – zwei treffende Vergleiche.
Der
tunesische Alltag spiegelt diese Charakterisierung. Am späten Vormittag
des 18. Oktobers 2005, knapp ein Monat vor Beginn des Gipfels, erwartet Radhia Nasaroui mich in ihrem
Auto vor dem Fünfsternhotel Africa-Meridien. Meine
beiden Schatten verschwinden in der Lobby, dank gut
gepolsterten Sesseln und Aircondition sowieso ihr Lieblingsaufenthaltsort, wenn
sie gerade keine Menschen jagen. Radhia fährt
los. Hinten an hängt sich neben meinem auch ihr Begleitfahrzeug, und so
bilden wir einen kleinen Konvoi. Radhia, ebenso
brillante wie laute und kompromisslose Anwältin in Sachen Menschenrechte, hat
für heute ein kleines „Evenement“ organisiert, wie
sie sagt. Während der Fahrt beginnt sie zu telefonieren und ruft die
internationalen Medien und Presseagenturen in eine Seitenstrasse von Tunis, wo
sich sieben Männer versammelt haben, unter ihnen führende Vertreter von
Oppositionsparteien und Menschenrechtsorganisationen, dazu einer der
bekanntesten Richter sowie der Präsident des Syndikats tunesischer
Journalisten. Es ist die Spitze des Widerstandes im Land.
Nach
wenigen Minuten hält Radhia. Zu spät. Die
Polizei hat mitgehört; die ersten zivilen Beamten stehen schon vor dem
Haus, in das sich die Männer zurückgezogen haben. Radhia
kennt fast alle Gesichter, hat sie doch auch schon direkter mit ihren Schatten
zu tun gehabt. Letztmals wurde sie im Frühjahr dieses Jahres zusammengeschlagen:
gebrochene Nase, zerschnittene Stirn, Schläge auf das rechte Auge, seither
beeinträchtigte Sehkraft.
Wir können das Haus
jedoch ungehindert betreten, ebenso wie das erste halbe Dutzend Journalisten. Dann
trifft Verstärkung ein, und die Polizisten riegeln den Eingang ab; ein
Haufen unauffälliger Männer in Hemden mit aufgerollten Ärmeln. Als
später eintreffende Korrespondenten handgreiflich am Zugang gehindert
werden, wird es laut. Flüche und Schmerzensschreie hallen im Korridor. Dass die
Versammlung nicht sofort mit Gewalt aufgelöst wird, ist dem geschickt
gewählten Ort zu verdanken. Gleich gegenüber residiert die schwedische
Botschaft. Die Diplomaten beobachten die Ereignisse von ihren Balkonen aus. Eine
nette Geste. Auf diese Weise markieren sie Präsenz und verunmöglichen
Exzesse.
„Wenn sie kommen, kommen sie
in der Nacht“, sagt Radhia.
Es sei die „unerträglich
gewordenen Verschlechterung“ der Situation im Land, die sie einen unbefristeten
Hungerstreik beginnen lasse, eröffnet Ahmed Nejib
Chebbi, Generalsekretär der Partei der Progressiven Demokraten und
Sprecher der Gruppe, die Pressekonferenz. „Die Lage der politischen Gefangenen
ist alarmierend; jegliche Opposition wird paralysiert, die Justiz von der
Exekutive beherrscht.“ Chebbi verliest einen Forderungskatalog zuhanden der
Regierung, dann stehen die sieben zusammen, grüssen für die Fotografen mit dem Victoryzeichen und ziehen sich in jenen Raum zurück, in dem
sie nun gemeinsam hausen werden, dicht an dicht auf dünnen Matratzen, mit
nichts als gezuckertem Tee und Wasser. Für wie lange, wird sich zeigen. Mit dem
Hungerstreik haben sie jene Waffe gewählt, die Ben Ali am meisten zusetzt.
Bei Beginn des Gipfels, nach knapp dreissig Tagen
Streik, werden die Männer so abgemagert sein, dass die anreisenden
Journalisten sich mehr für die Märtyrer als für den Pomp und Glanz der
Konferenz interessieren werden. Der Staatschef mit dem sanften Lächeln
steht unter Zugzwang.
Wie
er reagieren wird, ist absehbar. „Wenn einer ein Diktator ist, kann er nicht
mehr zurück. Er kann nur noch mehr Diktator werden“, sagt Mohammed Talbi. Und: „Es ist in der Natur der Diktatoren, immer
dümmer und dümmer zu werden. So dumm, bis sie eines Tages die Macht verlieren -durch ihre eigene Macht.“
Tatsächlich steigt der
Druck in Tunis spürbar. „Es ist wie in einem Kochtopf unter Hochdruck,“ hatte Mokhtar Trifi, Präsident der tunesischen Menschenrechtsliga, in
seinem Büro die Situation zusammengefasst. Die offensichtlichsten Beispiele: Im
Juni 2005 erwischt es den prominenten Anwalt Mohammed Abbou.
Nachdem Abbou seine Klienten im Gefängnis
besucht und gesehen hatte, in welchem Zustand sie sich befinden, erklärte
er auf einer Website, in Tunesien werde heute nach dem „Vorbild von Abu Ghraib“ gefoltert. Resultat: drei Jahre Gefängnis. Im
Spätsommer legte Ben Ali dann in einer konzertierten Aktion drei der
wichtigsten oppositionellen Organisationen lahm. Zuerst waren die tunesischen
Richter an der Reihe. Nachdem ihre Standesorganisation öffentlich gemacht
hatte, kaum ein Gericht im Land könne noch unabhängig und ohne den
Einfluss des Sicherheitsapparates entscheiden, fanden die Richter ihre Führung
durch ein Puppenkomitee ersetzt. Seither ist die Vereinigung ausser Gefecht. Anfangs September traf der eiserne Besen Mokhtar Trifi und die Liga der
Menschenrechte. Trifi hatte versucht, einige der zwei
Dutzend Sektionspräsidenten loszuwerden, weil sie seiner Überzeugung
nach von der Regierung umgebogen worden sind. Offenbar lag er damit richtig, denn
diese gingen nun mit einer eilendst erzwungenen
richterlichen Verfügung gegen die eigene Liga vor. Sie blockierten die
Durchführung des Jahreskongresses und beraubten damit die Vereinigung ihrer
Handlungsfähigkeit. Einen dritten Schlag führte die Regierung gegen das 2004
gegründete Syndikat tunesischer Journalisten. Während einem fünfstündigen
Polizeiverhör wurde Präsident Lotfi Hajji mit aller Deutlichkeit beigebracht, die Gewerkschaft
könne ihren ersten Kongress unmöglich abhalten, und im übrigen befinde sich das für den Kongress reservierte Hotel
ab sofort „in Renovation“. Hajji ist nun einer der
sieben Hungerstreikenden.
Die internationale Politik
schaut an diesen Ereignissen vorbei, im eigenen Interesse. Tatsächlich
kommt die seit dem 11. September 2001 herrschende
geopolitische Grosswetterlage Staatschef Ben Ali
entgegen. Sein Umgang mit missliebigen Opponenten kann er unter einem Nenner
abbuchen, der ihm international nicht nur Anerkennung und Unterstützung
einbringt, sondern auch die Ehre eines UN-Weltgipfels. Der Nenner lautet: Kampf
gegen den Terrorismus. So hat Ben Alis Marionettenparlament – die staatliche
Einheitspartei Rassemblement Constitutionell
Démocratique kontrolliert Dreiviertel der Sitze – im
Jahr 2003 ein neues Gesetz erlassen, das der Regierung gestattet, unter dem
Sammelbegriff des Terrorverdachts gegen sämtliche missliebige Elemente im
Land vorzugehen. Unterschiede zwischen legaler politischer Opposition und
extremistischer Aggression werden dabei verwischt: Wer gegen Ben Ali ist, ist
immer auch ein Staatsfeind. Diesen Freiraum nützt der Staatschef aus, um
jegliches Sägen an seinem Stuhl zu unterbinden.
Dankbar
sind ihm Deutschland und Frankreich, die für die Sicherheit der beliebten
Feriendestination alles in Kauf nehmen. So hat der deutsche Ex-Innenminister
Otto Schily mit Tunesien ein eigenes Abkommen über Zusammenarbeit in
Sicherheitsfragen unterzeichnet, darin eingeschlossen nicht nur Terroristen, sondern
auch alle, die „Terroristen helfen“ – ein allgemein anwendbares
Breitbandantibiotikum. Zur Belohnung dafür darf sich Tunesien ab 2008 Teil der
europäischen Freihandelszone nennen.
Den Preis dafür zahlt das
Volk. Seine Höhe wird deutlich im Gespräch mit Anwältin Radhia Nasaroui, der die
Erzählung vom Schicksal ihres Klienten Mohammed Bouazaa
vor Wut das Wasser in die Augen treibt: Aufgrund der Teilnahme an einer
unbewilligten Demonstration -an der er nie gewesen
sein soll – wurde Bouazza gleich zwei Mal für
dasselbe Vergehen verurteilt, „wie im Mittelalter“, total 25 Jahre. Der Preis
wird deutlich in der Erzählung der Mutter des 19jährigen Omar Chlendi, der gemäss Anklage
verbotene islamistische Websites besucht und
gleichzeitig im Labor seiner Schule Chemikalien gestohlen haben soll. Ergebnis:
Der Jüngling ist als potentieller Terrorist in erster Instanz zu 19 Jahren, in
zweiter zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Laut Verteidigung sind
die Chemikalien höchstens dazu geeignet, um Stinkbomben herzustellen. Deutlich
wird der Preis auch im Fall des Arztes Moncef Marzouki, der es wagte, 1994 bei
den Wahlen für das Staatspräsidium gegen Ben Ali anzutreten. Marzouki
verlor seine Kundschaft, er verlor seine Professur an der Universität von Sousse, und er verlor das Recht zu publizieren. Marzouki
ist ausgewandert.
Angst ist das Gefühl, das die
Menschen in Tunesien weckt, und Angst ist das Gefühl, das sie in ihren
Albträumen begleitet. Die staatliche Einheitspartei, mit ihren 10'000
Beamten das Land vom Norden bis in die Wüsten des Südens kontrollierend, garantiert
eine flächendeckende Kontrolle à la DDR.
Eine Veränderung ist
nicht zu erwarten. Hatte Ben Ali die tunesische Verfassung nach seiner
Machtübernahme dahin abgeändert, dass kein Staatspräsident mehr als
drei Amtsperioden walten kann, so liess er diese
Beschränkung inzwischen wieder annullieren und machte sich zum
designierten Despoten auf Lebzeiten. Gleichzeitig hält er die
Weltöffentlichkeit mit allwettertauglichen Worthülsen zum Narren. Auf
kritische Fragen bezüglich der Situation in seinem Land antwortet er politisch
korrekt: „Tunesien ist auf dem Weg zur Demokratie. Der Prozess der
Liberalisierung läuft aber nach unserem eigenen Tempo ab.“ Es ist ein
Tempo, das sein Land nicht nach vorne, sondern in die Vergangenheit bringt -auf ein Niveau wie zu den schlechtesten Zeiten Habib Bourguibas.
Gute Fahrt macht in diesem
Land nur der Überwachungsapparat. Am zweiten Tag stelle ich fest, dass
nicht nur Kinnbärtchen, das verschwitzte T-Shirt und der silberfarbene
Peugeot hinter mir her sind. Alle meine Telefonate werden abgehört, und
die tunesische Cyberpolizei hat den Zugang zu meinem Email-Konto gesperrt: „Access
denied“. Am letzten Tag wird auch mein Gepäck
gefilzt, im verschlossenen Hotelzimmer. Seither finden sich auf meiner
Wäsche andere als nur die eigenen Fingerabdrücke.